Hiermit bestätige ich, dass ich einen medizinischen oder pharmazeutischen Beruf ausübe [Ärzt*in, Apotheker*in, Pharmazeutisch-technische*r Assistent*in (PTA), Medizinische*r Fachangestellte*r (MFA)].
BadgesStudien
Therapiewandel durch neuartige chemofreie Strategien
Autor*in Studienreferat
Dipl.-Psych. Annika Simon, Braunschweig
Originalpublikation
Luminari S et al. Towards a chemo-free approach for follicular lymphoma. Br J Haematol 2025; 207: 1755–1764. DOI: 10.1111/bjh.70126
Fazit
Die Behandlung von Patient*innen mit follikulärem Lymphom steht vor einem Paradigmenwechsel: Weg von der klassischen Immunchemotherapie bis hin zur regelhaften Anwendung von chemofreien Strategien von der 1. bis zur 3. Behandlungslinie. Da die teilweise noch in Studien untersuchten Wirkstoffe allerdings unterschiedliche Toxizitätsprofile aufweisen, empfehlen die Autor*innen neben weiterer Forschungsbemühungen die Entwicklung optimierter Prognosescores.
Das follikuläre Lymphom zählt zu den häufigsten indolenten Lymphomen und wird mit einer Häufigkeit zwischen 85 und 90 % erst im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Obgleich die Immunchemotherapie (ICT) bislang den therapeutischen Standard bildete, haben sich während der letzten Jahre immer mehr komplett chemofreie Behandlungsstrategien im Rahmen von Phase-II- und Phase-III-Studien bewährt.
Luminari et al. wollten vor diesem Hintergrund nun den aktuellen Forschungsstand zum begonnenen Paradigmenwechsel weg von der klassischen ICT hin zu chemofreien Ansätzen zusammenfassen und haben einen narrativen Review zum Thema veröffentlicht. Dabei legten sie ihren Fokus vor allem auf vielversprechende chemofreie Wirkstoffe für alle Behandlungslinien und betonten ferner das große Potenzial dieses Paradigmenwechsels zur Verbesserung der Behandlungsergebnisse.
Folgende Fragen stehen in dieser Übersichtsarbeit im Mittelpunkt:
- Welche chemofreien Therapien stehen zur FL-Behandlung zur Verfügung?
- In welchen Therapielinien können sie jeweils zum Einsatz kommen?
- Wie lauten die aktuellen Studienergebnisse zur Wirksamkeit, Sicherheit und Anwendbarkeit?
- Welche zukünftigen Entwicklungen haben das Potenzial zum vollständigen Ersatz der Chemotherapie?
Unterschiedliche Toxizitätsprofile
Während im Rahmen der Erstlinientherapie als bisher einzige Alternative zur ICT eine Monotherapie mit Rituximab bei Betroffenen in den fortgeschrittenen Stadien III und IV bereits erfolgreich zum Einsatz kam, werden bis heute als chemofreie Option ab der Zweitlinie bereits verschiedene Kombinationen untersucht. Ein Beispiel ist die Kombinationstherapie aus Rituximab und Lenalidomid (R2), die sich als chemofreie Zweitlinientherapie mit guter Wirksamkeit und Verträglichkeit bereits etablieren konnte. Die Kombination aus Tafasitamab und R2 zeigte im direkten Vergleich mit R2 eine ähnliche Wirksamkeit, ging jedoch mit einem besseren Sicherheitsprofil einher und gilt ebenfalls als bevorzugte chemofreie Option ab der zweiten Linie.
Weitere vielversprechende Ansätze betreffen vor allem bispezifische Antikörper (bsAbs), die studienbasiert bereits eine hohe Wirksamkeit bei Patient*innen mit mehreren Rückfällen zeigen konnten und in Zukunft in Kombination mit R2 neben der Zweitlinientherapie auch die Erstlinientherapie mit ICT ersetzen könnten. Als wirksamer Ansatz nach dem zweiten oder dritten Rückfall gilt dagegen die CAR-T-Zell-Therapie, die sich bei Patient*innen mit hohem Risiko und mehrfachen Rezidiven als effektiv erweisen konnte.
Schließlich gehen die Autor*innen davon aus, dass in naher Zukunft eine Kombination aus R2 und bsAbs die ICT in allen Linien vollständig ersetzen kann. Sie sprechen daher wiederholt von einem Paradigmenwechsel und sehen den Vorteil vor allem in einer hohen Effektivität in Kombination mit guten Sicherheitsprofilen. Da aufseiten der chemofreien Wirkstoffe allerdings die teils sehr unterschiedlichen Toxizitätsprofile berücksichtigt werden müssen, empfehlen die Autor*innen neben der Fortführung der umfangreichen aktuellen Forschungsbemühungen vor allem die Anpassung und Weiterentwicklung von Prognosescores als Grundlage für die beste individuelle Therapieentscheidung.